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Letzte Aktualisierung der Internetseite am 12.09.2017:

Rückblick

OPUS53
                        OPUS53 

Der Neujahrsmorgen.

Und die Silvesterböller –

ein ferner Nachhall.

 

© Frank Türke, 2017

Allen Fanatikern möchte ich sagen:

Ihr seid nicht zu ertragen!

Mir ist egal was ihr denkt,

doch nicht, dass Hass euch lenkt.

Ich liebe die Menschen

und nicht Länder und Grenzen!

 

© Lysette Hellbach, 2016

Saunagang

© Petra Urbaniak

 

Und wie ich da so sitze

und tropfe und schwitze

kommt er herein

und setzt sich mir gegenüber

und er sitzt und er schwitzt

und schaut zu mir herüber.

O wie es zischt und dampft

und den Schweiß aus allen Poren treibt

hat er gerade gelächelt ? -

egal, ich hoffe, dass er noch ein wenig bleibt.

Die Tür geht auf, die Tür geht zu

und seine Frau setzt sich ihm zur Seite

das ist der Moment, wo ich gekonnt

von meiner Bank hinunter gleite.

Die Tür geht auf, die Tür geht zu

und ich schlapper mit dem Badeschuh

ein Schwall kaltes Wasser

wie ein Schock auf der Haut

schade, er schien mir so vertraut -

Vergiss den Mann

und zieh dich an !

 

 

 

 

Was der Mensch dem Menschen antun kann

© Petra Urbaniak

 

Was der Mensch dem Menschen antun kann

wie der Mensch dem Menschen helfen kann

hör mir zu und sieh mich an

was der Mensch dem Menschen sagen kann

weil nur der Mensch den Menschen sehen kann.

Du willst mich nicht hören

und siehst mich nicht an

was der Mensch dem Menschen antun kann.

 

 

 

 

Meine nie gelebte Liebe

© Petra Urbaniak

 

Meine nie gelebte Liebe

mein geliebtes Niemalsmehr

ich wollte dich

dich wollte ich so sehr.

Mein scheues neues Ich

sah dich

und ein Traum trat in den Tag

und mein nie geliebtes Leben

war so plötzlich groß und stark.

Meine nie gelebte Liebe

mein geliebtes Niemalsnah

ich suche dich und sehne mich

nach der Liebe

wie sie niemals war.

 

 

Wir schaffen das

 

Als es wiedermal Winter wurde und dies geschieht  für mich immer so ab Oktober, die Tage werden kürzer und die Abende deprimierter, also als es wieder Winter wurde, klingelte es Abends, oder nachmittags, weiß es nicht genau, es war ja schon dunkel, also es klingelte jedenfalls an meiner Wohnungstür.

Ich erwartete niemanden und begab mich im Schlabberlook und Glühwein schlürfend an die Tür.

Auf Zehenspitzen, ich wollte möglichst geräuschlos durch den Spion gucken.

Was – oder besser wen ich sah, ließ mich den Glühwein verschlucken und husten. Nun war klar, dass mein Besucher mich gehört hatte und ich demzufolge die Tür öffnen musste. Aber HALT!

Woher wollte der Besucher denn wissen, dass das Husten mein Husten war? Also täuschte ich eine Mädchenstimme mit slawischen Hintergrund vor, indem ich fragte: „Werr seien da? Meine Herr sagt, ich nicht öffnen Tür, wenn Fremde.“

Draußen lachte SIE und sagte: Komm, Bella, ich weiß, dass du da bist, nun mach schon auf.“

Also drehte ich den Schlüssel im Schloss und öffnete der Kanzlerin die Tür. Nun müsst ihr wissen, dass ich direkt am Kupfergraben in unmittelbarer Nähe zu Angela wohne und sie kenne, seit sie sich mal Zucker oder Salz ausgeliehen hat.

„Wie siehst du denn aus?“ sprudelte es sogleich aus ihr und:  „Lass dich nicht so gehen. Dieser Schlabberlook macht dich alt.“

Ich bot ihr müde mit der rechten Hand einen Platz im Wohnzimmer an. „Hey, Änschela, willst du auch einen Glühwein?“ Ich hatte keinen mehr, ich wusste auch, dass sie ablehnen würde, aber ich wollte freundlich sein.

Angela Merkel schüttelte den Kopf: „Nee, lass mal. Ich bin so fertig von meinem letzten Abend mit Barack, mir dreht sich alles im Kopf, ich kann nichts trinken. Ich kann auch gar nicht nach Hause, zu Jochen. Ich muss erstmal runter kommen.“

Ich sagte nichts, schaute sie nur mit einer hoch gezogenen Augenbraue an.

„Der Barack hat für sich und seine Familie einen Asylantrag gestellt, und er wisse, dass ihm ca. eine Million US-Amerikaner folgen werden. Er persönlich will, wegen der Freude und Lebenslust der Bajuwaren und deren Oktoberfest nach Bayern und ich solle ihn bitte nicht in eine Turnhalle einweisen, sondern das Schloss Schwanstein klar machen für ihn.“

„Wo ist das Problem?“ fragte ich. In das kitschige Gemäuer geht doch eh keiner rein und die Japaner fotografieren es sowieso, ob bewohnt oder unbewohnt.

„Nicht wo, sondern wer ist das Problem“ seufzte  Angela, nun doch nach meinem Glühwein verlangend: „Da haust doch der Seehofer  mit seinem Gschwerl. Wie soll ich den Hirndappigen, da raus kriegen?“

Gar nicht, kam es mir in den Sinn, wenn Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist, dann wird Seehofer auch König von Deutschland.

 

© Bellatrix 2016

Eine Arbeit aus dem Stegreif innerhalb unserer regelmäßigen OPUS-Treffen in nur 20 Minuten,

der Titel wird jeweils aus der Lostrommel gezogen:

Der Ton

 

Ulrike saß auf der ersten Bank in der Feldsteinkirche in Herzberg.

Auf ihrer Wanderung von Lindow nach Löwenberg hat sie diese Brandenburgische Schönheit entdeckt.

Sie war aufgewühlt seit sie von des Vaters drohenden Erblindung gehört hatte. Sie wusste nicht, wie er dieses Schicksal tragen wird. Ihr Vater war Bibliothekar und gerade ein Jahr im Ruhestand.

Ulrike bewunderte die innere Schönheit dieser von außen so schlicht wirkenden Kirche, sie genoss die Ruhe und die Kühle des Gebäudes. Auf einmal vernahm sie aus der Ferne einen Ton, und noch einen. Töne aneinander gefügt und doch ohne Melodie. Wie kleine Gongschläge.

Sie lauschte und träumte sich in ein buddhistisches Kloster. Abgeschieden, fern jeder Zivilisation, saß sie dort auf einem Ziegenfell und schaute nach Westen in die untergehende Sonne. Ganz leises Klingeln begleitete ihre innere Reise. Sie rief sich ihre Kindheit mit den wunderbaren Eltern in Erinnerung. Eltern, die ihr stets Freiraum ließen um sich ihren Neigungen entsprechend, entwickeln zu können. Die sanfte Mutter, Chorsängerin bei der Staatsoper, förderte früh ihre musische Begabung und ihr Vater hielt sie zum Lesen an, seit sie fünf Jahre alt war.

Seit dem frühen Tod ihrer Mutter lebte ihr Vater allein und nun schwindet seine Sehkraft täglich.

Plötzlich sammelte sich Ulrike, straffte ihre Schultern, spendete einen kleinen Betrag und zündete eine Kerze in der Kirche an bevor sie diese verließ.

Jetzt wusste sie was sie ihrem Vater schenken würde.

Sie besuchte ein, nahe der Feldberger Kirche gelegenes, Keramikstudio. Dort kaufte sie ein Windspiel.

Zwölf grüne Blätter sind glasiert und mittels Kupferdrähten mit Treibholz verbunden. Alle Keramikblätter weisen unterschiedliche Muster auf und glänzen im Sonnenlicht. Ihr Klang, wenn sie aneinander schlagen, ist sanft und melodiös.

Zurückgekehrt, stellte sie nur ihren Rucksack ab und fuhr zum Vater. Nach der herzlichen Begrüßung befestigte Ulrike ihr Mitbringsel auf dem Balkon des Vaters.

Er lauschte einen Moment, dann sagte er: „Danke, Tochter, hör mal, der Klang! Er erinnert mich an ein buddhistisches Kloster.“

Und beide lächelten.

 

© Bellatrix

 

Die Schatten der Bewegungen

 

Ich bin beunruhigt.

Im Augenwinkel sehe ich etwas über den Nachbartisch streichen. Ich erwarte das eine Tasse, ein Teller oder ein Löffel fällt.

Es bleibt ruhig.

Ich genieße meinen Tee und die Ruhe im Teehaus. Draußen ist ein herbstlicher Sonnentag.

 

Erschreckt zucke ich zusammen.

Wieder streicht etwas über den Nachbartisch. Wieder erwarte ich das Fallen einer Tasse, einer Tellers oder eines Löffels.

Es bleibt ruhig.

Friedlich liegt der Goldfischteich in der wärmenden Sonne.

 

Ich wende mich dem Nachbartisch zu, sehe eine Tasse, einen Teller, einen Löffel und

das lächelnde Antlitz meiner Tischnachbarin wie hinter einem bewegten Schnürenvorhang aus dem Schatten des Bambus' vor dem Fenster. Diese Schatten werfen nichts vom Tisch – 

nur machen sie die Chinesin so umwerfend anziehend …

 

 

© Frank Türke, 2016

Ich kann, ich kann nicht mehr     

die Bilder, die Bilder fegen durch mein Hirn

das Leben rast, ich komm nicht hinterher

nimm mir den Schweiß von der Stirn

ich bin überall und nirgends, bin niemand mehr

ich lösche alle Daten und stell mich quer.

Gedanken Gesichter

die Worte der Dichter

ich rase und rase und will immer mehr

Menschen Museen

ich will alles sehn

ich rase und rase und will immer mehr

ich schließe die Augen

ich kann nicht mehr

und immer und immer noch mehr

noch mehr.

 

© Petra Urbaniak

 

 

Die Feuer am Strand

 

Gestrandet, gerettet -

auf dieser einsamen Insel

unentdeckt, ungekannt

allein mit mir

hier an mir irrewerdend -

in der Nacht

brennen die Feuer am Strand

schlagen Funken hinauf ins Firmament…

Hierher! Hierher! Hier bin ich!

Mein Schiff versank in schwerer See

hier bin ich, auf meiner Insel -

nachts brennen die Feuer am Strand.

 

© Petra Urbaniak

 

 

Vulkan

 

Auf meiner Insel bebt die Erde

die Wände stürzen ineinander

ich rette mich zum Küchentisch -

die Wangen glühn

die Augen werden dunkel

der Mund bricht auf.

 

Tief im Inneren

brodelt und pulsiert

eine uralte Kraft

wie seit Anbeginn.

 

Land entsteht

wenn die Erde bebt

sich der Boden hebt

wenn Feuer alles Alte

unter sich begräbt.

 

Ich stehe auf und gehe

über heiße Erde,

geschmolzenes Gestein -

bin nicht verbrannt, bin nicht versehrt

gehe wunderbar erschüttert und betrete

neues Land.

 

© Petra Urbaniak

 

Die Krönung

 

Sie hatte ein bißchen Angst, schließlich wusste sie nicht genau was auf sie zukommen würde. Und doch freute sie sich auf diesen Tag.

Einen Tag zuvor stand sie vor dem Spiegel und probierte verschiedene Frisuren aus. Sie lächelte ihr Spiegelbild an, mal mit geschlossenen Lippen, dann wieder mit geöffneten Mund. Sie fand sich attraktiv. Und nach der Krönung würde ihre Attraktivität noch steigen.

In der Nacht vor dem Ereignis fand sie nur drei Stunden Schlaf. Immer wieder fragte sie sich, ob die Krönung zu diesem Zeitpunkt richtig war und ob sich der ersehnte Erfolg danach auch wirklich einstellen würde.

Um Vier Uhr stand sie auf, duschte ausgiebig und frisierte sich lange. Danach zog sie das neue Kostüm an und fuhr ohne Frühstück los. Eine ganze Stunde zu früh war sie da und ging wartend auf und ab.

Schließlich, zur verabredeten Zeit, wurde sie von einer blondgelockten jungen Assistentin hinein geführt.

Leise Musik ertönte aus unsichtbaren Lautsprechern und über einen roten Teppich folgte sie der Assistentin in einen Raum der mit einem einzigen Stuhl möbliert war.

Nachdem sie darauf Platz genommen hatte, erschien eine Dame in Weiß. Sie grüßte lachend und sagte zu ihr:“ Na dann wollen wir mal!“ Und zeigte ihr die Kronen für ihre Schneidezähne in „weiß A3“.

 

© Lysette Hellbach, 2016

Herbst

© Frank Türke, 2015

 

Die Tage werden dunkler.

Im Walde ist es stiller

und träumend liegt der See.

Die Igel sich im Laub vergraben

darüber Nebelstreifen lagern.

 

Gartenmöbel geh'n zur Ruh.

Das Freibad schloß die Tore zu.

Es flammt der Wein,

die Uhren werden umgestellt

und Pfefferkuchenleckerei'n bestellt.

 

 

 

 

 

Steilküste

 

© Petra Urbaniak

 

 

Hier stehe ich -

mein Schatten

fällt ins Moos.

Mein Blick stürzt

in die Tiefe

zu den Wurzeln

und Steinen am Strand.

Ein Schritt nur

zwischen Abgrund

und festem Boden,

in meinem Rücken

jahrhundertealte Bäume

vor mir die Weite

über dem Wasser. -

Der Wunsch, zu wurzeln

der Traum, davonzufliegen…

Die Brandung schlägt

an den Fels.

Hier stehe ich -

mein Schatten

fällt ins Moos.

Die Sonnenuhr

zieht ihre Bahn,

still gehe ich

auf meinem Weg.

 

 

 

Es flüstert der Frühling mir

süßes Versprechen Leben -

die Gedanken legen sich ins Gras

schlagen Wurzeln, wachsen, blühen

der Blick hebt sich

das Herz will jetzt so hoch hinaus

lass dich verführen, trösten, heilen

es zwitschert, wispert, summt und brummt

ein Rauschen und Flattern

ein einziges Ja! Jetzt schmiede deine Pläne

flüstert der Frühling mir

Ferne lockt, am Horizont

süßes Versprechen – Leben!

 

 

© Petra Urbaniak

 

 

Und der müde Riese

 

der einmal klein war und Kind

 

geht sinnend durch den summenden

 

brummenden Garten

 

vorsichtig

 

um nichts zu zerdrücken

 

nichts zu knicken

 

über Wege und Wiese

 

so klein und schnell durchschritten

 

ist der Garten

 

als Kind verlor er sich darin.

 

 

 

© Petra Urbaniak

 

 

Verschmelzen

mit der Bank

zur Skulptur werden

wie die Figuren

am Brunnen.

Sonnenanbeterin

die Menschen gehen hin und her

die Händler auf dem Markt

verkaufen Blumen, Äpfel, Taschen, Schuhe.

In Bronze gegossen

erstarrt in der Bewegung

die Figuren am Brunnen

inmitten der eilenden Menschen

glänzend in der Sonne.

Verschmolzen

mit der Bank

den Figuren

dem Brunnen

Sonnenanbeterin

gleich öffnet sie die Augen

erhebt sich, steht auf

und geht mit all den Anderen

über den Markt.

 

 

© Petra Urbaniak

 

Wo der Feldweg entlangläuft

 

Wo der Feldweg entlangläuft, dort neben der grünen Bank steht die Pappel. Die Pappel streift Wolkenfetzen vom Himmel, hüllt sich mit ihnen ein und schaudert in der Kühle - stell' ich mir vor während ich auf der Bank sitze und meinen Morgenkaffee trinke; dort wo der Feldweg entlangläuft.

 

Wo der Feldweg entlangläuft steht die Pappel und hält nun gar den Sonnenball in ihren Zweigen. Dabei schlürft sie tief aus der Erde ihren Morgenkaffee - stell' ich mir vor.

Nach dem letzten Schluck steh' ich auf und folge dem Feldweg. Auch die Sonne ist auf ihrer Bahn schon weit voran, nachdem die Pappel sich aufgewärmt hat.

 

Die Pappel hochgereckt und tief verwurzelt, dort wo der Feldweg entlangläuft und die Sonne und die Wolken und ich.

 

© Frank Türke, 2015

 

 

 

Zwei Farben Grau

© Caro v. Creutz

 

Während der Hochkonjunktur von Blondinenwitzen war ich zugegebenerweise nicht gerade unglücklich darüber, eine Brünette zu sein. Aber für fast jede Frau mit dieser Haarfarbe, vorausgesetzt es ist ihre natürliche, wird es mal ein kleines  Reizwort geben, das heißt ganz einfach "Grau". Für mich sollte das selbstverständlich nie ein Problem werden. Kenne ich doch einige Frauen, die total ergraut fantastisch aussehen.  Sie haben einen topchicen Haarschnitt, farblich exzellent abgestimmte Garderobe, gemeinerweise auch immer eine tolle Figur, betont mit einem perfekten Make up und kiloweise Selbstbewusstsein, dies alles  mit Nonchalance zur Schau zu tragen.

 

Genau so eine wollte ich werden, als ich mich anschickte die Dreißiger zu verlassen. Mit Gelassenheit nahm ich die ersten Silberfädchen, wie ich sie damals noch liebevoll nennen konnte, zur Kenntnis, und ich wartete auf das elegante Grau. Genaugenommen tue ich das noch heute. Die Schläfen sind wohl schon ganz passabel, dann noch ein Stück am Oberkopf und eine kleine Stelle über dem Nacken. Der Rest ist ziemlich ungleichmäßig durchzogen, ich habe lange nicht nachgeschaut. Das hat nichts von Eleganz, ist ganz und gar nicht dazu angetan den Intellekt optisch zu heben, wirkt nicht  mal sportlich oder gar sexy; es macht ganz einfach nur alt.

 

Die Herren der Schöpfung erleben ja in diesem Zustand ihres Kopfschmuckes oft den zweiten Frühling. Der bis dahin verfluchte kreisrunde Haarausfall hat sich in einen Silberkranz verwandelt. Egal wo und wie gleichmäßig das Grau von seinem Haupt Besitz ergreift, es macht ihn interessant, es wirkt seriös, gar unwiderstehlich. Soviel wollte ich der Natur gar nicht abverlangen, aber so wenig wie sie mir derzeit anbietet von ihr anzunehmen bin ich (noch) nicht bereit. Hat sie kein jugendlich-weiblich apartes Grau für mich? Dann kann ich eben noch gar keins ertragen!

Meine jetzige, ganz natürliche Haarfarbe heißt "Kupferrot", und ich habe längst beschlossen, mir diese geduldig solange färben zu lassen, bis ich ausreichend Falten im Gesicht habe, dass jede Farbe Grau dazu passt.

 

 

 

 

Bretter

© Lysette Hellbach

 

Bretter, die die Welt bedeuten,

sind nicht jene auf denen man singt und tanzt,

sondern jene auf die du dein täglich Brot legen kannst.

 

 

 

 

Hinter dem Kaufland, jenseits der Parkplätze…

© Petra  Urbaniak

 

…da wachsen noch wilde Disteln und Kamille. Ein Feldweg führt quer durchs Kraut.

Ich war erschöpft vom Kaufen müssen. In meinem Kopf hämmerten noch die Bässe der Jeansboutique.

Hinter dem Kaufland, jenseits der Parkplätze sah ich mich auf einmal inmitten hoher Gräser, in denen es zirpte und summte. Und ich hatte Lust zu gehen, weit zu gehen.

Ich lief über die Felder, bis ich zum Waldrand kam.

Da saß eine alte Frau unter einem Baum. Sie blickte mir entgegen, lächelte und bot mir Früchte an. Als ich nach meinem Portemonnaie kramte, schüttelte sie den Kopf. „Nein, ich will von dir kein Geld.“

„Kein Geld?“, fragte ich überrascht.

„Nein. Willst du eine Hand voll Beeren, erzähle mir deine Geschichte.“

Sie lud mich mit einer Handbewegung ein, Platz zu nehmen.

Ich setzte mich und überlegte. „Seltsam…“ Dann fing ich an, ihr von meinem Leben zu erzählen. Ich erinnerte mich an meine Kindheit, die späteren Irrwege, die Träume, die Einsamkeit.

Die Alte lächelte und war zufrieden. Sie gab mir die Beeren und einen Apfel dazu.

Später kochte sie eine Suppe und nannte ihren Preis. Ich sollte ihr zuhören. Ich nahm mir die Zeit.

Die Sonne stand schon tief, als sie mir zum Abschied winkte.

Meine Großmutter ist doch schon seit Jahren tot. Aber war das nicht…ihre Geschichte?

 

Ich hatte Lust zu gehen, weit zu gehen.

Hinter dem Kaufland, jenseits der Parkplätze.

 

 

 

Das Lied von Luft und Liebe

© Petra  Urbaniak

 

Mein Brot ist tot,

es schimmelte mir gestern,

der Erdbeerjoghurt begann zu lästern,

du kleiner Becher mit dickem Bauch

warte nur, bald schimmelst du auch.

Ich kann und mag, ich mag nichts essen,

habe Käse, Joghurt, Brot vergessen

erfolgreich sind die Schönen, Schlanken

und federleicht die Liebeskranken

ich atme aus, ich atme ein

und viel mehr geht auch nicht hinein

der Apfel schrumpelt im Gemüsefach

um reinzubeißen bin ich zu schwach.

Ach, würd ich ihn treffen am Bäckerstand

und hielte er zärtlich meine Hand

dann würd ich es wieder versuchen

mit Brötchen und mit Kuchen.

Schon steigt mir in die Nase ein verführerischer Duft

doch er sieht mich nicht und ich schnappe nach Luft.

 

 

 

Der Gartentisch

© Lysette Hellbach

 

Zwei Tassen Kaffee

auf dem Tisch.

Vier Füße

unter dem Tisch.

Lachen über dem Tisch.

Heiterkeit,

wenn du da bist.

(und mir den Milchschaum von den Lippen küsst.)

 

 

 

Auszug aus: Sommerfrische

© Lysette Hellbach

 

Lange schon war er nicht mehr an der Ostsee auf dem Darß gewesen. Tante Mina lebt allein und dann und wann lädt sie sich Gesellschaft ein, jetzt war es eben Jörg.

Dieser verfiel in Hektik. Sofort bedachte er, was er noch zu erledigen hat bis zur Abreise in zwei Tagen.

Als erstes muss er runter zur Nachbarin Gudrun, die er wieder bitten würde, seine Blumen zu gießen.

Er würde den Futterautomaten für sein Aquarium aus dem Keller holen und diesen bestücken, damit seine Fische nicht hungern müssten.

Er schrieb sich einen Einkaufszettel, Sonnencreme stand darauf und ein Geschenk für Tante Minna.

Er musste noch seinen Anzug aus der Reinigung holen und er würde sich Flip-Flops kaufen, die in seiner Kindheit einfach Badelatschen hießen.

Er fing an zu packen, Badesachen, Schlafanzug, Sommershorts und T-Shirts, natürlich einen Jogginganzug. Fotoapparat und den dazu gehörenden Akku hatte er auch nicht vergessen.

Ganz in Gedanken lief er schon am Strand von Darßer Ort.

Er meldete sich bei seinen Freunden ab, damit sich keiner sorgen müsste, wenn er nicht zum Skatabend erschien.

 

Am Tag der Abreise stellte er morgens den Strom und das Wasser ab.

Dann nahm er sein Gepäck, schloss die Tür sorgfältig ab und stieg die Treppen hinab zum wartenden Taxi.

Die Hilferufe seines pflegebedürftigen Vaters und dessen Klopfen mit dem Gehstock auf den Fußboden hörte er nicht mehr.

 

 

 

Überall

© Lysette Hellbach

 

Nie hörte ich den Atem eines Wales,

nie die Schritte des ersten Menschen auf dem Mond.

Nie gehört habe ich den Schluckauf des Ungeborenen.

Nicht gehört, nicht passiert.

 

 

Nie hörte ich die Hündin Laika bellen,

nie das Wachsen eines Veilchens.

Nie gehört habe ich Goethes Versprechen an Christiane.

Nicht gehört, nicht passiert.

 

 

Nie hörte ich den Fall einer Sternschnuppe,

nie das Schaukeln des Mondes,

Nie gehört habe ich den Gesang Walthers von der Vogelweide.

Nicht gehört, nicht passiert.

 

 

Nie hörte ich das Geheul einer Bombe,

nie das Waffengeklirr eines Heeres.

Nie gehört habe ich das Sterben der Friedenstaube.

Nicht gehört und doch passiert und doch ist es da, überall.

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